Anders sehen, anders kommunizieren

 

Es ist bekannt, dass wir normalerweise überwiegend nonverbal kommunizieren. Im Gespräch mit meinem blinden Freund fällt mir das besonders auf. Meine Mimik und Gestik kann er nicht sehen. Wenn ich also auf etwas, das er gesagt hat, nicht sofort antworte, fragt er, ob ich mich langweile. Dabei habe ich nur nachgedacht und überlegt. Ich muss mir in meinen Gesprächen mit ihm immer wieder bewusst machen, wie wichtig es ist, hörbare Zeichen zu setzen, statt Kopfnicken zum Beispiel "ja" oder "hmhm" zu sagen, oder meinem stummen Lächeln einen kleinen Ton geben. 
Besonders spannend ist es umgekehrt, wenn ich versuche, ein Gefühl zu verbergen, sichtbar also ein Lächeln aufsetze oder eine Pokermine und sehr schnell merken muss, dass das bei ihm ja überflüssig ist, denn zum einen sieht er es nicht und zum anderen hört er dafür die feinsten Nuancen meiner Stimme und fragt sofort: "Alles in Ordnung mit dir? Was ist los?" 
Tatsächlich ist es nämlich so, dass die meisten Menschen sich äußerlich sichtbar sehr gut verstellen können, sozusagen eine Maske tragen können, jedoch verrät die Stimme immer den wahren Gefühlszustand, sofern das Gegenüber fähig ist, wirklich zu hören. Auch ist mir aufgefallen, dass wir mit geschlossenen Augen anders sprechen, als sehend. Es werden Dinge ausgesprochen, die wir sonst nicht sagen würden. Warum ist das so? Sind wir blind mehr mit unserem innersten Raum verbunden, mehr bei uns selbst? Die meisten Menschen spüren sich ja erst, wenn sie die Augen schließen. Nicht mehr abgelenkt von äußeren Reizen, können wir viel besser erkennen, wer wir wirklich sind und was uns bewegt. Mein Freund sagt, blind sein bedeutet nicht, dass man nicht sehen kann. Man sieht nur anders.

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