Wenn ich rund um mich diese Hektik sehe, in der sich die Menschen verfangen, dann frage ich mich, wie selbstbestimmt wir denn eigentlich sind? Wie spüre ich, ob ich etwas wirklich tun will, oder ob es nur deswegen ist, weil „man" es tut, weil es eben von außen so gewollt wird,weil ich fürchte, was „die Leute" denken könnten, wenn ich es nicht tue usw. Ferngesteuert von Werbung, sogenannten Meinungen, Trends, gesellschaftlichen Normen, tapsen wir wie Zombies durch unser Leben.
Wir? Nein, was Weihnachten angeht, bin ich bei diesem „Wir”nicht dabei. Ich muss keine Geschenke kaufen und verpacken, weil niemand ein Geschenk von mir erwartet. Wir sind uns als Mensch Geschenk genug, das ganze Jahr über.
Große Familienfeste gibt es bei uns nicht, weil jeder von uns diesen Trubel in Wahrheit nicht verkraftet, und dazu stehen wir. Als wir uns letztes Jahr alle getroffen haben, war es ein entspanntes Zusammensein an einem Herbsttag. Jeder hat etwas beigetragen, Gespräche fanden statt, es war zwanglos und unverkrampft. Keine überzogenen Erwartungen.
Manchmal vermisse ich an Weihnachten die Feierlichkeit. Aber dieses Feierliche entstand ja damals in meiner Kindheit nicht, weil meine Mutter in Hektik war oder der Weihnachtsbaum in letzter Sekunde geschmückt werden musste. Das wirklich Feierliche und Erhabene erlebte ich als Kind und Jugendliche im Kinderchor der Kirchengemeinde. Es war ein ganz besonderer Chor. Die Kantorin war sehr engagiert und mit einem hohen Anspruch. Durch sie lernten wir die Musik von Bach, Mendelssohn, Buxtehude, Telemann und anderen kennen. An Weihnachten sang unser Chor zusammen mit dem Erwachsenenchor, dem Orchester und verschiedenen Solosängern in der Kirche. Jedesmal war es ein erhebendes Gefühl, wenn die Musik einsetzte, wenn unsere Stimmen getragen wurden von den Klängen und dem großen Kirchenraum. Mir war, als schwebte ich hoch oben unter der Kirchenkuppel und alles um mich wurde sanft und friedlich.
In diesem Moment war hier ein göttlicher Raum und ich war Teil davon. Diese feierliche Stimmung hat sich in mir verankert. Es ist mir Trost, dass ich mich erinnere, dass ich sie heraufbeschwören kann. Dennoch ist sie Vergangenheit. Sie lässt sich so in dieser Form nicht mehr wiederholen. Das macht mich wehmütig.
Weihnachten ist bei mir aber auch verbunden mit meiner stets wütenden Mutter. Sie war sauer, dass „alles an ihr hängen" blieb. Dass die alleinstehende Tante immer eingeladen werden musste, dass sie ihre neugierigen Fragen aushalten musste. Seufzend und stöhnend saß meine Mutter dann am Tisch, während wir ihre schlechte Laune zu ignorieren versuchten.
Was wäre gewesen, wenn sie einfach nicht getan hätte, was sie meinte tun zu müssen?
Kein Weihnachtsessen, stattdessen ganz normales Abendbrot?
Keine Geschenke, stattdessen Gespräche, ein Spieleabend, ein gemütliches Beisammensein?
Kein Weihnachtsbaum, stattdessen die eine kostbare Kerze?
Die Tante fragen lassen, aber nicht antworten müssen?
Früh ins Bett gehen, wenn sie müde war und ihr danach war?
Hätte dieses andere Verhalten Weihnachten weniger bedeutend gemacht?
Für mich ist Weihnachten jenseits von allem Materiellen. Es ist die Besinnung auf das, was mir wirklich wichtig ist. Mit der besonderen Atmosphäre eines weihnachtlichen Kirchenkonzertes kann diese Besinnlichkeit eine einzigartige Tiefe bekommen, die mich klarer erkennen lässt, wie ich mein Leben füllen möchte, welchen Wert es hat. Das Leben in seiner Kostbarkeit wird gerade an Weihnachten deutlich, wenn wir uns dafür öffnen.
Das Geschenk zu Weihnachten ist nicht fassbar, nicht greifbar. Es wird sich die Tür für uns nur öffnen wenn wir uns freimachen können von allem Greifbaren und von allen Mustern, die uns abhalten von dem, was uns wahrhaftig wertvoll ist.
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