Die „Muttersprache“ ist der Schlüssel zum wahrhaftigen Wort, zum Wort, das vielleicht sogar heilen kann. In der Muttersprache hörten wir die ersten an uns gerichteten Worte. Diese Sprache unserer Kindheit ist eng verbunden mit starken sinnlichen Eindrücken. Dazugehören, angenommen sein, bedingungslos geliebt zu werden, beschützt zu sein – diese Gefühle wurden begleitet durch unsere Mutter-Sprache, die wie eine Hintergrundmelodie spielte.
So bin ich in meiner Workshoparbeit ausdrücklich dafür, Dialekte zu pflegen. Ich glaube, für die meisten sind sie eine Erinnerung an die Kindheit. Es ist die Faszination darüber, wie klar und direkt Sprache sein kann, wie einfach und schnörkellos und doch tief. Wer hochdeutsch und einen Dialekt sprechen kann, dem eröffnet sich eine breitere Sprachwelt, ähnlich wie wenn man eine Fremdsprache beherrscht.
In einem Antiquariat fand ich neulich ein Buch, auf alemannisch geschrieben. Es ist hundertvierzig Jahre alt. Wenn ich über den ledergebundenen Rücken streiche, fühle ich, dass es aus einer Zeit stammt, wo man Bücher noch mit Liebe zum Detail und mit Wertschätzung für das geschriebene und gedruckte Wort, herstellte. Im Glossar finden sich Übersetzungen einzelner mundartlicher Worte, die der Dichter Johann Peter Hebel hier benutzt. Es war faszinierend, einiges wiederzufinden, was ich längst vergessen hatte, obwohl es doch auch die Sprache meiner Kindheit gewesen ist!
„Bruddle“ – ich musste lachen! „Oh je, dr Babba bruddelt widdr!“ Und schon sah ich meinen Vater vor mir, wie er vor sich hin bruddelte, also schimpfte, aber nicht ganz laut, also mehr bruddeln eben. Und erst kürzlich, als ich jemandem unverhofft eine Freude machen konnte, sagte diese Frau zu mir: „Ja Maidli, was machsch denn du für Sache!“ Dieses Wort „Maidli“ hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Es fühlte sich wie eine warme Umarmung an, ganz so, wie ich sie in der Kindheit erfahren hatte.
Das Wesen der Sprache ist einfach. Sprache will gar nicht unbedingt überzeugen oder manipulieren. Sprache will nur ausdrücken, ganz im Jetzt sein.
Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort. (Eichendorff)
Wir alle kennen solche Zauberworte. Dazu gehören auch unsere Kosenamen oder Wortschöpfungen, die wir als Kinder erfanden um etwas ganz spezielles zum Ausdruck zu bringen. Wahre Worte werden die Zuhörer erreichen. Wenn jemand etwas Wahres sagt, können wir das sofort fühlen. Es "trifft" uns, es "berührt" uns im wortwörtlichen Sinn. Die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt gesagt, können Wunder wirken, können sogar heilen. Die Kunst besteht darin, das richtige Wort zu finden und das Gespür zu bekommen, es zum richtigen Zeitpunkt auszusprechen.
Der mongolische Dichter Galsan Tschinag drückt es so aus: „Ich glaube an die Kraft, die in jedem Wort wohnt, an den Wind, den ein jedes Wort auslösen und der durch den Körper hindurchwehen kann. Ich glaube an das Licht, das das Wort in den Kopf bringt. Ich glaube an die Wärme die das Wort dem Herzen geben kann. Denn der Mensch ist ja ein Wesen, das sich eigentlich nur danach sehnt, sein Herz voll Wärme und seinen Kopf voll Licht zu haben.“ ( aus: Im Land der zornigen Winde)
Die Dichtkunst ist tatsächlich ein heilender Ort. Die Dichter und Dichterinnen benennen ihren Schmerz oder ihr Glück auf eine Art und Weise, die zugleich beschwörend und wandelbar wirkt. Worte sind Medizin. Wie wir mit ihnen umgehen, woraus wir sie schöpfen, darauf kommt es an!
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